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Lesetipps

Der Mann mit den tanzenden Augen

Sophie Dahl ist eine Autorin, die fast alle von uns schon einmal gesehen haben, lange bevor sie ihr nun vorliegendes erstes  Buch schrieb.

 

Als Mode-Modell posierte sie unter anderem für Gucci, für das Parfum Opium ließ sie sogar vollends die Hüllen fallen und räkelte sich freizügig lasziv vor der Kamera. Das war mindestens so ein Skandal wie ihre spätere Verlobung mit Mick Jagger. Wenn jemand mit dieser Vorgeschichte ein Buch schreibt, so erwartet man normalerweise plattes Bettgeflüster oder banalen Promi-Tratsch. Nicht so bei Sophie Dahl. Vielleicht ist Talent doch erblich, denn ihr Großvater Roald Dahl war einer der großen britischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Ein etwas exzentrischer Autor, dessen Bücher eine Mischung aus schwarzem Humor und wirklicher Wärme sind.

 

Die nunmehr dreiundzwanzigjährige Sophie Dahl legt mit ihrem Erstling „Der Mann mit den tanzenden Augen“ ein wunderbares Buch vor, auf das ihr Großvater sicher stolz gewesen wäre. Dieses Buch erzählt die bezauberndste Liebesgeschichte, die ich seit langem gelesen habe.

 

Die Heldin des Buches, Pierre, verdankt ihren männlichen Namen dem Hotel, in dem sie gezeugt wurde, Ergebnis „einer aussichtslosen Affäre zwischen einem tapsigen Botaniker und einer italienischen Sopranistin“.

Sophie Dahl hat ein einfühlsames Märchen geschrieben, leicht hingetupft mit wunderbaren und wundersamen Begebenheiten. Und ihre Freundin Annie Morris hat daraus ein Bilderbuch gemacht, mit spitzer Feder und leuchtenden Farben kongenial umgesetzt.

 

„Kann es sein, dass Sie schrumpfen?“, fragt der im ganzen Buch namenlos bleibende Mann mit den tanzenden Augen die zukünftige Geliebte, als diese gerade mit ihren Absätzen im Erdboden versinkt.

 

Pierre und der Mann mit den tanzen-den Augen gleiten davon in die Nacht und in eine rauschende Affäre. Er ist ein Maler, der Bob Dylan singt, „ohne Melodie, aber dafür mit Gefühl“. Sie wird natürlich sein Modell und „Glück reihte sich an Glück in diesem Sommer“, während sie auf dem Hausboot Glimmety Glammety leben.

 

Der Leser ahnt es schon, eine solche Glückseligkeit kann nicht ewig dauern, nicht einmal in einem Buch mit rosa Einband.

 

Auch Märchenprinzen machen Fehler, „Es war ein unverzeihlicher Verrat, und sie beschloss zu gehen, egal wohin, solange er nur nicht dort war.“

Pierre verlässt den Mann mit den tan-zenden Augen und das Hausboot Glimmety Glammety, unschlüssig wohin, vielleicht in ein Kloster, am liebsten in den „Orden der Schwestern vom Blutenden Herzen und Immerwährenden Mitgefühl.“ Doch dann entscheidet sie sich doch für New York, die Stadt ihrer Zeugung.

 

Hier findet sie Unterschlupf im kuriosen Haushalt einer Frau namens Blue, legt sich einen Mischlingshund zu und pflegt ihre Traurigkeit. Pierre leidet, wie man nur an der Liebe leiden kann: total, grenzenlos, mit Haut und Haar.

Und wenn sich der Mann mit den tanzenden Augen in ihre Träume einschleicht, wird sie zornig und leidet noch mehr. Sie erträgt eine endlose Reihe dröger Dinner und eine Herde verkehrter Verehrer, einen verliebten Psychoanalytiker und pokernde Mafiosi, nur um sich immer wieder im Mumiensaal des Metropolitan Muse-um of Art zu verkriechen.

 

Aber weil es ein Märchen ist, noch dazu ein Buch mit einem rosa Umschlag, kann es nur ein Happy End geben. Man kann nicht einfach vor dem Glück davonlaufen, schon gar nicht, wenn es ein Mann mit tanzenden Augen ist, der im richtigen Mo-ment das richtige sagt: „Ich liebe dich, ich möchte in Italien leben, mit einem Küchenofen, vier Kindern und einer Ziege. Ich kann ohne dich nicht sein."

 

Sophie Dahl erzählt eine wunderschöne, poetische Geschichte, und ihre Freundin Annie Morris illustriert den Text nicht nur, sie rahmt ihn ein, überwuchert ihn und gibt dem Buch damit eine große Sinnlichkeit.

„Der Mann mit den tanzenden Augen“ ist eine herzerfrischende Romanze für Verliebte, Liebende und alle, die sich ihrer Liebe erinnern wollen.

 

Gerd Scherm

 

Sophie Dahl

Der Mann mit den tanzenden Augen

mit farbigen Zeichnungen von Annie Morris

List Verlag

Hardcover, 80 Seiten, 12,90 €

ISBN 3-471-77-351-7


Der wunderbare Massenselbstmord

Wer auch immer in nächster Zeit Selbstmord begehen will, sollte vorher unbedingt dieses Buch lesen. Arto Paasilinna, Jahrgang 1942, ist der populärste Schriftsteller Finnlands und der alljährlich erscheinende Paasilinna gehört zum finnischen Herbst wie die fallenden Birkenblätter.

 

Sein Roman "Der wunderbare Massenselbstmord" ist zwar vom gleichen skurrilen Humor mit Tiefgang gekennzeichnet wie Paasilinnas andere Bücher, unterscheidet sich aber dennoch von ihnen. Zum einen dadurch, dass das übliche kauzige Personal hier auf eine ganze Reisegruppe der "Anonymen Sterblichen" angewachsen ist, zum anderen weil Paasilinna bei diesem Buch Finnland streckenweise verläßt, zieht das Buch aus der Begegnung mit den bedauernswerten Nicht-Finnen bemerkenswerte Szenen. Zum Inhalt:

 

Ausgerechnet am Johannistag, dem mittsommerlichen Fest des Lichtes und der Freude, beschließt der gescheiterte Unternehmer Onni Rellonen seinem Leben ein Ende zu setzen. Mit einem Revolver bewaffnet sucht er eine abgelegene Scheune, um die Sache zuende zu bringen.

 

Doch dort trifft er auf einen Unbekannten, der ihm mit einer Schlinge um den Hals zuvorkommen will. Und wie das Leben mit dem Tod so spielt, verderben die beiden sich gegenseitig den Abgang und beschließen als echte Finnen, erst einmal gemeinsam in die Sauna zu gehen und dann kräftig einen zu heben. Die beiden freunden sich an und beschließen, anderen Gleichgesinnten die Möglichkeit des Gedankenaustauschs in Sachen Selbstmord zu geben. Auf die daraufhin geschaltete Zeitungsanzeige melden sich 612 potenzielle Selbstmörder, die aus allen Landesteilen zu einem Treffen nach Helsinki anreisen. Nach einer wild-feuchten Nacht bildet sich ein harter Kern der Selbstmordkandidaten, die einen Bus chartern, um gemeinsam an einsamer Stelle ihr Leben zu beenden. Die turbulente Reise führt zunächst zum Nordkap, wo die Tiefen des Eismeers locken.

 

Dieses erweist sich vor Ort jedoch als zu kalt. Es folgt eine Fahrt durch Deutschland in die Schweizer Alpen. Doch auch dort kommt etwas dazwischen: Ein Teilnehmer stürzt im Suff in eine Schlucht - wenn das kein eindeutiger Fehlstart ist. Man merkt schon, die Entscheidung fällt schwer, zumal sich bereits einige Paare gebildet haben und es auch Deserteure gibt, die unterwegs ihr Glück gefunden haben. Die Reise führt bis nach Portugal, am Cabo Sao Vicente, dem südwestlichsten Zipfel Europas.

 

"Der wunderbare Massenselbstmord" ist eine außergewöhnlich humorvolle und spannende Geschichte, die sich um den Sinn des Lebens samt seiner Freuden dreht.

 

Ich finde dieses Buch wirklich "wunderbar".

 

Gerd Scherm

 

Arto Paasilinna

Der wunderbare Massenselbstmord

Lübbe Verlag

Hardcover, 283 Seiten, 18,00 Euro

ISBN: 3-785-71534-X

Tramfrau

Nein, es ist kein Druckfehler, es geht wirklich um eine „Tramfrau“ und nicht um eine Traumfrau. Obwohl natürlich auch Straßenbahnfahrerinnen träumen, und wie.

 

„Tramfrau – Aufzeichnungen und Abenteuer der Straßenbahnfahrerin Roberta Laub“ heißt das Buch von Root Leeb, das im fränkischen „ars vivendi verlag“ erschienen ist. Die Autorin weiß, wovon sie schreibt, denn nach ihrem Studium und kurzer Tätigkeit als Lehrerin war sie lange Jahre Straßenbahnfahrerin in München. Für Roberta Laub, dem Straßenbahn-Ich der Autorin, ist die Tram ein Gleichnis von der Welt und eine Straßenbahn zu fahren der sinnvollste und schönste Beruf überhaupt. Mit einem Augenzwinkern erzählt sie, dass man sich auch mit einer Straßenbahn verfahren kann, berichtet von Schienencowboys und Nacktfahrern, von un-heimlichen Begegnungen und heimlichen Verehrern. Root Leebs Heldinnen und Helden sind Menschen wie du und ich und man merkt den Geschich-ten die Sympathie der Autorin für alle ihre Figuren an, sogar für die Schwarzfahrer, nach dem Motto: Hauptsache sie fahren Straßenbahn.

 

So versammelt Root Leeb in ihrem Buch lauter kleine Geschichten voll leiser Traurigkeit und stiller Träume, erfrischender Situationskomik und heiterer Ironie. Wie die Geschichte vom Ferdl, einem Held der Schiene, der sehr eigenartig mit Fundsachen umgeht und sich auch schon einmal ziemlich rigoros eines Fahrgastes entledigt. Oder die „Fahrgasttirade“, in die die Straßenbahnfahrerin allen angestauten Ärger und alle Beschimpfungen packt und daraus eine spöttische Anleitung zu nervigem Verhalten macht. Aber auch leise Töne kennt Root Leeb, wenn sie von der Müdigkeit im Schichtdienst oder von tragischen Unfällen schreibt.

Root Leeb hat die Berichte aus ihrer kleinen Welt auf Rädern selbst ansprechend illustriert. Mit naiv anmutenden, farbigen Zeichnungen gibt sie den Lesern Trambilder zwischen Traum und Wirklichkeit.

 

Für den, der dieses Buch gelesen hat, wird Straßenbahnfahren nie mehr sein wie vorher. Denn Root Leeb eröffnet mit ihrer Liebeserklärung an ein ganz alltägliches Verkehrsmittel uns ganz gewöhnlichen Fahrgästen eine völlig neue Sicht. Und immer heißt die Endstation Sehnsucht.  

Gerd Scherm

 

Root Leeb

Tramfrau

ars vivendi verlag

Hardcover, 128 Seiten, 11,50 €

ISBN 3-89716-383-7

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